Maximilian Iserloh - Universidade Federal do Ceará

Fortaleza, Brasilien - 2016


Erfahrungsbericht Auslandssemester Brasilien

Im Rahmen des „Unibral”-Programmes des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Technischen Hochschule Köln habe ich das Wintersemester 2016/17 meines Bachelors in „Erneuerbare Energien“ in Fortaleza, Brasilien verbracht.
Das „Unibral“-Programm ist ein Austauschprogramm zwischen der TH Köln und der Universidade Federal do Ceará in Fortaleza. Es wurde durch die Professoren Prof. Dr. Ingo Stadler und Prof. Fernando Luiz Marcelo Antunes initiiert und erlaubt in jedem Wintersemester einer Anzahl von Studenten das Studieren in Fortaleza. Während meiner sechs Monate in Brasilien hatte ich die Möglichkeit, meine Sprachkenntnisse in Portugiesisch zu vertiefen, eine andere Kultur kennenzulernen und viele neue Freundschaften zu schließen.
Diesen Erfahrungsbericht möchte ich nutzen, um meine Erfahrungen und Erlebnisse zu schildern und einen Einblick in ein Leben zu geben, welches sich in vielerlei Hinsicht von einem Leben in Deutschland deutlich unterscheidet.

Der Gedanke, mich für ein Auslandsstipendium zu bewerben, beschäftigte mich schon vor meiner Bewerbung auf Fortaleza etwas länger. Allerdings gelang es mir nie so recht, meine durchaus gemütliche Komfortzone in Köln zu verlassen. Im Laufe des Jahres und mit einem sich immer weiter nähernden Abschluss reifte die Entschlossenheit, mir diesen Wunsch doch noch zu erfüllen. Als dann Professor Schneiders (Stipendienverantwortlicher für Erneuerbare Energien) in einer Vorlesung erwähnte, dass durchaus noch Aussicht auf die diesjährigen Stipendienplätze in Fortaleza bestehe, fasste ich den Entschluss und bewarb mich.
Für mich war dies durchaus ein großer Schritt, da ich bis dahin meine Heimatstadt Köln nie für längere Zeit verlassen hatte und aufgrund meines Alters und der Wohnsituation in Köln zu Hause wohnte. Dennoch, oder gerade deshalb, war es mein Ziel, etwas vollkommen anderes zu erleben und sowohl neue Erfahrungen zu machen als auch mich persönlich und studientechnisch weiterzuentwickeln. Die Aussicht auf Brasilien als ein Schwellenland mit anderer Sprache, Kultur, Klima und generell anderen Bedingungen erschien mir daher perfekt für mein Vorhaben.

Als dann nach ungefähr einem Monat die Zusage durch Professor Schneiders kam, ging es daran, zu organisieren und die bürokratischen Hürden zu bewältigen. Auch diverse Verabschiedungsveranstaltungen müssen geplant werden und ich muss mich mit dem Gedanken befassen, für sechs Monate in einem anderen Land zu studieren. Die Bürokratie stellt sich, wie erwartet, als sehr bürokratisch heraus. Zu den benötigten Dokumenten gehört unter anderem ein Einladungsschreiben, welches mir aus Brasilien zugeschickt wurde, sowie eine Immatrikulationsbescheinigung, welche mir von der TH Köln, der Bezirksregierung Köln und dem brasilianischen Generalkonsulat in Frankfurt beglaubigt werden muss. Nach Zusammentragen aller erforderlichen Dokumente und zwei Fahrten nach Frankfurt erhalte ich schließlich mein Visum.

Am 5. August geht es dann schließlich nach Frankfurt zum Flughafen. Dort treffe ich mich mit Milan und Ivan, die Elektrotechnik studieren und mit denen ich bereits die vorherigen Fahrten nach Frankfurt unternommen habe, weshalb ich sie schon flüchtig kenne. Tom lernen wir schließlich im Boardingbereich kennen, da er sein Praxissemester vorher in Bayern verbracht hat.

Nach zehn Stunden Flug kommen wir nachmittags in Fortaleza an. Neben Sonne und 30°C empfangen uns auch unsere „madrinhas“ und „padrinhos“, unsere Paten, die uns in den ersten Wochen helfen und die Behördengänge mit uns machen werden. Wir werden herzlich empfangen und anschließend in Autos verladen und zu unserer Unterkunft gebracht.

Der erste Eindruck von Fortaleza ist eher ernüchternd. Die meisten Straßen sind voller Schlaglöcher, die Häuser eher heruntergekommen oder kaputt. Vor fast jedem Haus steht eine drei Meter hohe Mauer, die mit Stacheldraht oder Elektrozaun abschließt. Auch die (Überlebens-)Tipps unserer Paten lassen darauf schließen, dass wir uns nicht in der sichersten Stadt befinden.

Nach einer kurzen Fahrt kommen wir in unserer Unterkunft an. Sie stellt sich als etwas heruntergekommen heraus, für die erste Zeit wird es allerdings reichen.
In der ersten Woche werden allerhand Behördengänge durchgeführt. Unsere Paten sind allerdings gut organisiert und informiert, so dass es relativ zügig vonstatten geht. Auch werden uns die schöneren Ecken von Fortaleza gezeigt, unter anderem die Strände. Die Stadtstrände Beira Mar und Iracema sind von Hochhäusern gesäumt. In diesen lebt, anders als in Deutschland, die eher reiche Bevölkerung. Die Strände Praia Futuro und Porto das Dunas sind wahrhaftig Traumstrände und eher touristisch geprägt und von Hotels gesäumt.

Nach einer guten Woche beginnen die Vorlesungen und der Sprachkurs. Anders als in Köln-Deutz ist der Campus riesig. Es verkehrt sogar eine eigene Buslinie auf dem Gelände. Auf der Suche nach den Vorlesungsräumen, den Mensen und der Bibliothek sind unsere Paten erneut eine große Hilfe. Ein Übersichtsplan hingegen ist nicht aufzutreiben.
Unsere Tage sind von da an um einiges voller und strukturierter. Um zur Universität zu kommen, benutzen wir den öffentlichen Nahverkehr. Dieser ist so aufgebaut, dass es sehr viele Busse gibt. Und Bushaltestellen. Und manchmal kommt der richtige Bus. Und manchmal nicht. Fahrpläne gibt es nicht. Wir nehmen es mit Humor, immerhin sind wir in Brasilien und Warten gehört irgendwie zum entspannten Lebensstil der Brasilianer dazu. Wir planen fortan eine Stunde für die Anfahrt ein, die manchmal 15 und manchmal 60 Minuten dauert.

Die Vorlesungen selber sind ausschließlich auf Portugiesisch. Eine sogar auf Portanhol, einer Mischung aus Spanisch und Portugiesisch. Der Professor ist Kolumbianer. Während die anderen Vorlesungen zumindest halbwegs verständlich sind, sind bei dieser Vorlesung selbst die Brasilianer teilweise chancenlos. Generell müssen von nun an Fachwörter gepaukt werden, um in den Vorlesungen mitzukommen. Die Prüfungsleistung in Brasilien besteht aus ein bis zwei Präsentationen und zwei bis drei Klausuren pro Fach. Außerdem besteht Anwesenheitspflicht.

Außerhalb der Vorlesungszeiten gehe ich viel Kitesurfen. Brasilien ist einer der besten Kitespots weltweit. Anfangs gehe ich mit einem Kommilitonen aus Berlin kiten. Später lernen wir ein paar Franzosen kennen, mit denen wir fortan zusammen fahren und nach Semesterende einen Kitetrip unternehmen. Auch ein paar andere Deutsche und Brasilianer können wir vom Kitesurfen überzeugen, so dass wir teilweise mit drei bis vier Nationalitäten unterwegs sind.

Nach etwa einem Monat ziehen wir um. Nachdem wir uns einige Wohnungen angeschaut haben, ziehen wir schließlich nur zwei Häuser weiter. Das Haus wurde gerade umgebaut und ist deutlich schöner und sauberer als unser Altes. Fortan leben wir mit einer Mexikanerin und einem Kolumbianer zusammen. Unsere Haushälterin/-managerin Elisangela wohnt in einem Anbau.
Mittlerweile finden wir uns ganz gut in unserem Stadtteil zurecht. Zum nächsten Supermarkt, welcher sich in einer kleinen Mall befindet, sind es fünf Gehminuten. Auch wenn wir nicht in der besten Gegend leben, ist es tagsüber sicher. Solange man die Augen offenhält und das Handy in der Tasche lässt, kann man zu zweit problemlos bis 22 Uhr bis zur Mall laufen. Stark frequentierte Plätze und Bars hingegen sind auch nachts sicher. Zur An-/ und Abreise gilt allerdings Taxipflicht.
Alles in allem kann man in Fortaleza also gut leben, solange man aufmerksam bleibt, manche Gegenden meidet und sich an gewisse Regeln hält. Ich habe mich zu keiner Zeit bedroht oder besonders unsicher gefühlt.

Auch ansonsten haben wir uns mittlerweile eingelebt und einen gewissen Rhythmus entwickelt. Zeitweise unternehmen wir Ausflüge nach Jericoacoa oder Pipa. Tom und ich fahren mit einem brasilianischen Kommilitonen für ein Wochenende nach Canoa Quebrada und bauen dort ein Solarmodul auf, mit dem anschließend eine Wasserpumpe betrieben wird.

Mit Professor Fernando (Professoren in Brasilien werden mit Vornamen angesprochen), sowie den extra eingereisten Professoren Stadler und Humpert der TH Köln fahren wir außerdem nach Paulo Afonso. Auf der fünftägigen Exkursion besichtigen wir mehrere Wasserkraftwerke mit einer Gesamtleistung von knapp 10 Gigawatt, was ungefähr 10 Atomkraftwerken entspricht. Die enormen Ausmaße der Anlagen sind beeindruckend.

Zurück in Fortaleza zeichnet sich immer deutlicher ein Professorenstreik ab. Dieser wird, nach einigen Gesetzesänderungen durch die Regierung, allerdings nicht durchgeführt. Anfang November entscheiden sich allerdings die Studenten zu streiken. In den folgenden Wochen schließen sich dann doch einige Professoren an, wodurch auch bei uns Vorlesungen ausfallen. Grund des Streiks ist ein neues Gesetz, das das Bildungsbudget für die nächsten 20 Jahre einfrieren soll. Auslaufende Programme sollen zudem nicht verlängert werden. Die ausgefallenen Vorlesungen sollen in den Semesterferien nachgeholt werden.
Da wir allerdings auf den ursprünglichen Zeitplan angewiesen sind, reden wir mit unseren Professoren, wodurch wir unsere Prüfungen früher ablegen können. Allerdings können die Noten noch nicht ins SIGAA, die Lernplattform, eingetragen werden, so dass wir von unseren Professoren Bescheinigungen erbitten.

Nun, nach Ende des Semesters möchten Ivan, Milan und ich noch in die Amazonas-Region fahren und uns diese wohl einzigartige Natur anschauen. Anschließend wollen wir im Januar über Rio de Janeiro und Salvador nach Deutschland zurückkehren.

Das Studium in Fortaleza war für mich ein unvergessliches Erlebnis. Ich habe unglaublich viel Erfahrung gesammelt, viele neue Freunde weltweit gewonnen und auch meine Sicht auf die Welt hat sich ein Stück weit geändert. Brasilianer habe ich als ein äußerst lebensfrohes und hilfsbereites Volk erlebt. Es wird sehr viel geteilt und besonders alten und eingeschränkten Menschen wird viel Hilfsbereitschaft offeriert. Ich bin dankbar, dass mir diese Zeit hier ermöglicht wurde und werde mich zurück in Köln darum bemühen, den nach Köln kommenden Studenten eine genauso große Hilfe zu sein, wie sie mir hier gewährt wurde.
Während meiner verbleibenden Zeit hier überlege ich, wo ich mein Praxissemester machen möchte. Auch über Brasilien denke ich nach. Fest steht auf jeden Fall, dass ich wiederkommen werde.

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