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Weiße Monochrome von Lucio Fontana, Yves Klein und Günther Uecker

Drei Fallstudien zu ihrer Erhaltung

Masterprojekt von Sebastian Köhler

White monochromes by Lucio Fontana, Yves Klein and Günther Uecker
Three case studies regarding their conservation

Abstract
The 1950s and 1960s saw the creation of a large number of white monochrome artworks. Some fifty years later, these objects frequently require conservation treatment. Taking three examples by Lucio Fontana, Yves Klein and Günther Uecker, which are all in the collection at the Kunstmuseen Krefeld, this text illuminates the specific problems faced by the conservator and it presents solutions for treatment and presentation of these works. Central is the question how aesthetic aspects and material authenticity of the works can both be considered adequately. In addition, the historical context and other strategies for conservation of white art objects from 1960 to the present day are examined.

Einleitung

Zahlreiche weiße Kunstobjekte entstanden in den 1950er und 1960er Jahren im Zuge der ZERO Bewegung. Eine neue Generation von Künstlern wollte damals die Kunst einer Erneuerung unterziehen. Monochrom weiße Kunstwerke waren eine charakteristische Ausdrucksform dieser neuen Kunst, mit der man die traditionellen Kunstformen und -gattungen überwinden wollte. Mit der weißen Oberfläche verband sich oftmals die Idee einer puristischen Kunst ohne Patina.

Gerade an weißen Monochromen treten Schadensbilder wie zum Beispiel Vergilbung, Oberflächenverschmutzung und Craquelébildung besonders offensichtlich in Erscheinung. In der Vergangenheit wurden gealterte weiße Kunstwerke deshalb in vielen Fällen flächig übermalt, um Alterungsspuren und Schäden zu kaschieren. Dies wurde von den Künstlern legitimiert und auch eigenhändig durchgeführt. Die ursprüngliche Materialität und auch die Alterspatina als Ausdruck der historischen Identität wurden dabei mehr oder weniger überdeckt.

In dieser Arbeit werden anhand von drei Fallbeispielen spezifische Ausgangsproblematiken für die Restaurierung erläutert sowie Lösungswege für den konservatorischen Umgang mit diesen Werken vorgestellt. Hierzu wurden drei kürzlich restaurierte Werke von Lucio Fontana, Yves Klein und Günther Uecker aus dem Sammlungsbestand der Kunstmuseen Krefeld ausgewählt.

Die Zielsetzung der Masterarbeit bestand darin, anhand dieser Fallbeispiele festzustellen, inwieweit die originale materielle Struktur und die künstlerische Handschrift für die Authentizität und Erhaltung dieser Werke von Bedeutung sind.

Lucio Fontana: "Concetto Spaziale 51 B 14-224/3" (1949/1951)

Der Mailänder Künstler Lucio Fontana (1899–1968) hatte auf die revolutionären Neuerungen der Kunst um 1960 einen sehr großen, vorbildhaften Einfluss. Er war einer der ersten modernen Künstler nach 1945, der monochrom weiße Bildwerke schuf. Die weiße Monochromie war für ihn ein wichtiges Ausdrucksmittel.
Das Werk "Concetto Spaziale 51 B 14-224/3"  ist eines der frühesten aus der Werkgruppe der Buchi. Fontana perforierte eine hochformatig aufgespannte und monochrom weiß bemalte Leinwand. Die Durchstoßungen der Leinwand bilden ein System aus ineinander liegenden, geschlossen linearen Konturen. Fontana setzt die weiße Monochromie bei diesem Concetto Spaziale als ein dezidiert kalkuliertes ästhetisches Mittel ein. Die weiße Oberfläche kontrastiert die beim Durchstoßen der Leinwand entstandenen Löcher. Die verletzliche weiße Fläche bildet einen gestalterischen Gegensatz zu der ausgeführten Werkhandlung und ästhetisiert diese gleichermaßen.

Dieses Fallbeispiel beinhaltet gleich zwei problematische Kriterien für die Restaurierung von weißmonochromen Kunstwerken: die Dominanz von Schadensbildern auf der weißen Fläche und die Problematik nachträglicher Überarbeitungen. Die farblichen Überarbeitungen der weißen Fläche, die vermutlich vom Künstler stammen, führten zu einer irreversiblen Veränderung der Struktur und des Erscheinungsbildes.
Der an den Bildrändern erhaltene feine Farbauftrag, der dort die Leinwandstruktur nicht ganz abdeckt, ist auf der Bildfläche durch die kompakte Übermalungsschicht mit einem waagerechten Pinselduktus komplett überdeckt worden. Infolge der minderen Ausführungsqualität der Übermalungen ist eine Oberflächenstruktur entstanden, die vom ursprünglichen Zustand abweicht und die subtile originale Oberfläche vollständig überlagert.

Es ergaben sich durch diese Übermalungen Probleme für die Restaurierung, weil aufgrund des spröden, unflexiblen Farbschichtaufbaus die Niederlegung der aufstehenden Schollenränder entlang der Craquelésprünge nur eingeschränkt möglich war. Die optische Dominanz der Craquelébildung mit aufstehenden Sprungkanten konnte durch eine zusätzliche Retusche abgemildert werden.

Yves Klein: "Le Vide" (1961)

Der französische Maler Yves Klein (1928–1962) ist einer der prominentesten Vertreter der monochromen Malerei des 20. Jahrhunderts. Einige seiner spektakulärsten künstlerischen Konzeptionen sind weißmonochrome Räume, die er als "Le Vide" (Die Leere) bezeichnete. Durch die künstlerische Reduktion auf die weiße Einfarbigkeit des leeren Raumes beabsichtigte Yves Klein die immaterielle Aura einer unsichtbaren Malerei erlebbar werden zu lassen.

Der weißmonochrome Raum "Le Vide" von Yves Klein entstand 1961 und hat sich im Krefelder Museum Haus Lange erhalten. Er  weist eine höchst fragile und feinteilig strukturierte monochrom weiße Wandmalerei auf, die Ausdruck einer individuellen Maltechnik ist. Es ist somit kein rein konzeptuelles Werk, das durch eine weiße Überarbeitung weiß erneuert werden kann, sondern in der bestehenden originären Form als Malerei erhalten werden muss.
An diesem Fallbeispiel zeigt sich, wie Verschmutzung des Fussbodens und Rissbildungen an den Wänden im einfarbig weißen Umfeld die Ästhetik und den Eindruck der Immaterialität praktisch außer Kraft setzten.

Die Wirkung des monochrom weißen Raumes, der den Besucher optisch desorientiert und ihn ein Erlebnis von Leere erfahren lässt, wurde durch die Restaurierung wiederhergestellt. Dabei wurden die Risse im Wandputz geschlossen und der Fussboden gereinigt. Abschließend wurden Retuschen durchgeführt. Der durch Restaurierung erzielte Zustand erweist sich als ausreichend, um den Effekt der weißen Leere wiederzugewinnen ohne dabei die Spuren der Alterung vollständig zu tilgen.

Günther Uecker: "Lichtintegration" (1961)

Die weiße Nagelscheibe mit dem Titel "Lichtintegration" von 1961 ist ein frühes Beispiel für eine lichtkinetische Konzeption Günther Ueckers. Das Werk besteht aus einer rotierenden, waagerechten Holzscheibe, die an ihrer Unterseite von einem Elektromotor angetrieben wird. Uecker benagelte die runde Fläche und trug abschließend eine weiße Farbe auf. Die Nagelung wird vom Rand zur Mitte dichter, folgt aber keinem erkennbaren regelmäßigen Raster.

Uecker integrierte in diesem Werk das Licht und nutzte es als ein aktives kompositorisches Element. Die weiße Farbigkeit, die Nagelstruktur und die Drehung der Scheibe wirken zusammen und ergeben ein kinetisches Phänomen, dass als eine wogende Bewegung der weißen Nagelstruktur wahrgenommen wird. Die weiße Fläche wird zum Projektionsfeld für diese wechselnden kinetischen Strukturen aus Licht und Schatten. Der kinetische Effekt der Nagelscheiben wurde durch eine spezielle Seitenbeleuchtung mit Scheinwerfern intensiviert und in Szene gesetzt. Eine solche Beleuchtungssituation ist für die Krefelder Ausstellung Mack Piene Uecker von 1963 nachweisbar.

Die im Rahmen der Restaurierung an dem Objekt durchgeführte Oberflächenreinigung und Retusche der weißen Farbfassung erwiesen sich als ausreichend, um die strukturelle Integrität des Werkes wieder herzustellen. Die gereinigte und somit aufgehellte Oberfläche konnte ihre Funktion als Projektionsmedium wieder besser erfüllen.

Die Restaurierungsmaßnahmen waren nur ein Teilaspekt zur Wiederherstellung einer authenti-schen Präsentation des Werkes. Außerdem entscheidend für das Konzept der Lichtintegration war die Rekonstruktion der Beleuchtungssituation im Sinne der Krefelder Ausstellung von 1963, also die gezielte Einbeziehung des Lichts im Sinne der ursprünglichen Werkästhetik und Funktionalität.

Resümee

Die Fallstudien zeigen, dass die Künstler mit dem Einsatz der weißen Farbe als Gestaltungsmittel jeweils unterschiedliche Ziele verfolgten. Fontana kontrastierte bei den Buchi das Schwarz der Löcher. Für Yves Klein war der weiße Farbauftrag ein Mittel, um den Besucher seiner Räume zu desorientieren und die Leere erfahren zu lassen. Bei Günther Uecker wurde die weiße Fläche zum Projektionsfeld für wechselnde kinetische Strukturen aus Licht und Schatten.

Obwohl diese Werke mit der Idee einer neuartigen Kunst verbunden sind, kann man sie aufgrund der Materialität, der strukturellen Zusammensetzung und der daraus resultierenden Schadensphänomene traditionellen Gattungen zuordnen. Bezogen auf die konservatorisch-restauratorische Ausgangsproblematik kann man "Concetto spaziale 51 B 14-224/3" im Wesentlichen als Gemälde, den Raum "Le Vide" als Wandmalerei und die "Lichtintegration" als Skulptur oder Reliefbild klassifizieren.
Lucio Fontanas perforierte weiße Leinwand, Yves Kleins monochrome Malerei im weißen Raum und die genagelte, weiß gespritzte Struktur Günther Ueckers sind individuelle Werktechniken, an denen eine charakteristische künstlerische Handschrift ablesbar ist.

Die vollständige Übermalung der gealterten bzw. schadhaften weißen Oberfläche ist deshalb kein geeignetes Mittel zur Restaurierung der hier behandelten Werke. Das wesentliche Problem einer solchen Überarbeitung ist, dass die feine ästhetische Balance zwischen Farbe und Oberflächenstruktur, die oftmals ein charakteristisches und individuelles Kennzeichen dieser weißmonochromen Kunstobjekte ist, stark verändert wird. Im Falle des Concetto Spaziale von Fontana konnte nachgewiesen werden, dass Übermalungen außerdem konservatorische Probleme nach sich ziehen können, die den Spielraum für weitere Restaurierungsmaßnahmen einschränken.

Die materielle Alterung kennzeichnet die Kunstobjekte aus der Zeit um 1960 als authentisch erhaltene und kunsthistorisch bedeutsame Dokumente. Die Aufgabe der Restaurierung sollte es sein, diesen gealterten Zustand behutsam der ursprünglichen Intention und Ästhetik des Werkes anzunähern und die formale Integrität des Werkes so weit wie möglich wieder herzustellen. Konventionelle restauratorische Strategien erwiesen sich in allen drei Fällen als grundsätzlich geeignet, um die Funktion, Integrität und Ästhetik der weißmonochromen Kunstwerke wieder erlebbar zu machen. Alle drei Werke besitzen eine kunsttechnologische Originalität, die nicht reproduzierbar ist, sondern in dieser Form erhalten werden sollte.

Betreuung

1. Betreuer: Prof. Dr. Gunnar Heydenreich
2. Betreuer: Dr. Tiziana Caianiello (ZERO Foundation, Düsseldorf)

Laufzeit

2012-2013

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