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Ein Artikel aus dem Hochschulmagazin

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Pünktliche Smalltalk-Muffel

Eine Frau hält eine Uhr (Bild: Nanduu, photocase.de)

Dr. Iris Wangermann schult Studierende am Zentrum für akademische Qualifikation und wissenschaftliche Weiterbildung (ZaQwW) in Interkultureller Kompetenz. Mit dem Hochschulmagazin Inside out sprach sie über typisch deutsche Eigenarten im Berufsalltag und wie man in anderen Kulturen damit umgeht.

Pflichtbewusste, humorlose, pünktliche Biertrinker und Schlagerfans – das sind beliebte Klischees über Deutsche. Doch in so manchem Stereotyp steckt auch ein Körnchen Wahrheit.

Deutsche sind Individualisten.

Was aber nicht gleichbedeutend ist mit Egoisten. Denn laut Iris Wangermann, Dozentin für Interkulturelle Kommunikation, steckt hinter diesem gesellschaftlichen Individualismus folgende Idee: Wenn ich gut für mich sorge, ist das gut für meine Community. Anders verhält es sich in kollektivistisch geprägten Kulturen, zum Beispiel in Russland oder China: Wenn der Einzelne gut für die anderen und für sein Netzwerk sorgt, ist das letzlich auch gut für ihn selbst. Besonders in interkulturellen Projektarbeiten können diese konträren Ansätze oft zu Spannungen führen, sagt Wangermann: "Deutsche äußern in der Gruppe gerne ihre eigenen Meinungen und Ideen: 'Ich sehe das so ...' oder 'Ich schlage vor, dass ...' In kollektivistischen Kulturen werden dagegen oft Fragen gestellt: 'Wie wollen wir das machen?' oder: 'Wie seht Ihr das?'" Aber Vorsicht: Der Fragende hat dabei durchaus eine Meinung und erwartet, nach ihr gefragt zu werden.

Obrigkeitsdenken war gestern.

Dr. Iris WangermannAm ZaQwW bietet Dr. Iris Wangermann Kurse an zur Interkulturelle Kompetenz für Austauschstudierende an (Bild: iris-wangermann.de)

Zwar werden Hierarchien in Deutschland geachtet, die Gleichheitsorientierung ist aber deutlich stark ausgeprägt. Das zeigt zum Beispiel die variable Tischordnung in vielen Seminaren an Hochschulen: Alle sitzen um einen großen Tisch oder mit dem Dozenten zusammen an einem Tisch. Für Studierende aus Indien oder China, wo Hierarchie und Machtdistanz eine bedeutende Rolle spielen, sind solche Tischordnungen ungewohnt. Fast undenkbar ist es dort außerdem, dass Studierende ihrem Dozenten in der Vorlesung kritische Fragen stellen. Denn das gilt als Zeichen mangelnden Respekts.

Deutschland, einig Regelland.

Regeln sind wichtig für das soziale Miteinander, schaffen Verbindlichkeit und geben Orientierung. Doch mit ihrer Regeltreue scheinen es Deutsche in den Augen anderer Nationen etwas zu übertreiben. "Viele ausländische Studierende erzählen mir, dass sie gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland erst einmal mit Regeln konfrontiert werden", sagt Wangermann. "Das geht so weit, dass Nachbarn als allererstes die Müllregelung erklären und falsche Trennung kritisieren. Ich erkläre den Incomings dann, dass sie das nicht als persönliche Kritik verstehen sollen: Mülltrennung ist auch zwischen deutschen Nachbarn ein wichtiges Thema."

Kennenlernen international
Smalltalk
"In der deutschen Kultur wird Smalltalk wenig geübt, sie ist nicht so verwurzelt, wie zum Beispiel in den USA", sagt Dozentin Iris Wangermann. Oft begehen Deutsche deshalb den Fehler, die US-Standardfrage "How are you?" sehr konkret zu beantworten. Das ist zu viel des Guten. Die korrekte Antwort lautet: "Fine, thanks. And how're you?" Dann geht es für gewöhnlich über zum Wetter oder zu einem anderen, harmlosen Thema. "Der Smalltalk dient der ersten Kontaktaufnahme und des gegenseitigen 'Beschnupperns'. Viele Deutsche beklagen das und interpretieren die Amerikaner als oberflächlich. Das stimmt nicht. Es dauert in den USA genauso lange, Freundschaften zu schließen, wie bei uns." Entsprechend schwer tun sich viele Deutsche, eigene Smalltalk-Themen zu setzen: Sport? Urlaub? Wenn alle Stricke reißen, empfielt sich das Thema Essen. Das bringt Kulturen zusammen. Und man kann gleich mit Stereotypen aufzuräumen. Oder essen alle Deutschen gerne und oft  Sauerkraut?

Deutsche stehen für Pünktlichkeit.

Und weil alle Welt die Deutschen für ein pünktliches Volk hält, empfiehlt Iris Wangermann, diese Tugend im Ausland beizubehalten. Selbst dann, wenn man sich in einem notorisch unpünktlichen Land befindet, wie zum Beispiel in Italien. Lieber sollte man sich für die Wartezeit ein Buch mitnehmen, statt ebenfalls später zum Treffen zu kommen, denn: "Pünktlichkeit wird von uns erwartet." Die Definition von Pünktlichkeit variiert allerdings im weltweiten Vergleich. Auch Chinesen erleben sich als pünktliche Menschen. Ist ein Termin um 10 Uhr, liegt ihr Pünktlichkeitsspielraum zwischen fünf vor bis fünf nach zehn. In Deutschland gilt: von zehn vor bis Punkt zehn Uhr.

Zeit ist Geld.

Nicht nur bei der Pünktlichkeit, sondern auch im Gespräch. "Deutsche steigen gerne direkt ins Thema ein," sagt Iris Wangermann. Das gelte besonders für das Arbeitsleben, spiegele sich aber auch an einer Hochschule wieder. "Die Deutschen sind so pragmatisch, ihnen geht es nur ums Arbeiten", hört die Psychologin immer wieder. Denn mit Ausnahme von wenigen anderen sachorientierten Ländern wie den Niederlanden oder Skandinavien verwendet man in anderen Kulturen viel Zeit darauf, sich erst einmal kennen zu lernen. "Man muss erst eine Beziehung aufgebaut haben, damit man gut miteinander arbeiten kann. In Deutschland geht das umgekehrt: Erst gut miteinander arbeite, und wenn das funktioniert, kann man eine Beziehung zueinander aufbauen."

Kennenlernen international
Familie
Ein anderes Thema ist in vielen Kulturen weniger oberflächlich als der Smalltalk, dafür genauso wichtig: die Familie. In Italien zum Beispiel ist sie eine kulturelle Dimension. Selbst im Arbeitsleben bildet sie das Fundament. Es sei nicht unüblich, dass ein Manager bei seiner Selbsteinschätzung über die Hälfte der Zeit von seiner Familie erzählen würde, angefangen bei der Großmutter, so Wangermann. Erst danach kommt er zu seinen beruflichen Erfahrungen und fachlichen Kompetenzen. Solche Informationen erwartet man auch von seinem Gegenüber. Sie sind in vielen Kulturen wichtig, um den Anderen besser einschätzen zu können und um darüber eine gute Arbeitsbeziehung aufzubauen.

Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.

Deutsche trennen Beruf und Arbeitsleben stark voneinander, das gilt auch für die beruflichen und die privaten  Freundschaften. In anderen Kulturen vermischen sich diese Kontakte viel stärker. Viele Gastdozenten aus anderen Kulturen sind laut Wangermann über diese deutsche Eigenart irritiert. Und aufgrund der deutschen Unlust auf Smalltalk fehlt ihnen oft diese Brücke zur Kontaktaufnahme. Gastdozenten, die für einen längeren Zeitraum in Deutschland sind, empfiehlt sie, in einen Sportverein zu gehen. Dort findet man schnell Anschluss.

Diplomatisch ungeschickt?

Deutsche kommunizieren oft sehr direkt. Eigentlich eine gute Sache, die aber in kritischen Situationen für Menschen aus indirekt kommunizierenden Kulturen zum Problem werden kann: Sie fühlen sich schnell auf den Schlips getreten oder erleben das Verhalten als sehr unhöflich. Das gilt für die USA ebenso wie für die meisten asiatischen Länder, aber auch für Frankreich, Spanien, Italien und Österreich. Umgekehrt verstehen viele Deutsche eine indirekte Kommunikation nicht, und damit auch keine brisanten Andeutungen, die zwischen den Zeilen liegen. Bei Redewendungen wie "Wenn es dir nichts ausmacht" oder der Bitte "Könntest Du vielleicht" sollte man also aufmerken. Sie sind gewöhnlich ein höflich gemeintes Signal.

Text: Monika Probst

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