Spannungsvoll in Katalonien – Praktikum bei einem Sprachdienstleister in Barcelona

Bild von Barcelona  (Bild: Jacqueline Robens, Studentin am ITMK)

Jacqueline Robens, Studentin der Mehrsprachigen Kommunikation, hat ihr obligatorisches Auslandssemester in Form eines 4-monatigen Praktikums bei OMERO Language Solutions in Barcelona, Spanien, absolviert. Wir haben sie interviewt:


Frau Robens, wieso haben Sie sich für Spanien entschieden?

Ich bekam ich eine Nachricht von OMERO Language Solutions aus Barcelona. Ihr Praktikumsangebot sprach mich sofort an und auch Barcelona als Aufenthaltsort begeisterte mich. Aufgrund dessen beschloss ich das Angebot von OMERO Language Solutions anzunehmen. Weiterhin war aber auch der Kostenfaktor ein sehr entscheidendes Thema für die Entscheidung nach Barcelona zu gehen, denn es erschien mir finanziell einfacher und machbarer, einen Auslandsaufenthalt durch BAföG, Erasmus+ und ohne Praktikumsvergütung in einem spanischsprachigen Land zu finanzieren, als in einem englischsprachigen.

Geben Sie uns einen kurzen Einblick in den Tätigkeitsbereich Ihres Arbeitgebers?

Das Unternehmen ist eine Übersetzungsagentur mit Hauptsitz in Polen und ist seit zweieinhalb Jahren ebenfalls in Barcelona vertreten.

OMERO Language Solutions (auch „OMERO Traducciones“) bietet Übersetzungen in vielen verschiedenen Fachrichtungen an und prinzipiell kann für alle möglichen Bereiche übersetzt werden. Dennoch fokussiert OMERO Traducciones die Arbeit vor allem auf die folgenden Übersetzungsdienstleistungen: beglaubigte Übersetzungen (für Urkunden, Zertifikate, öffentliche Dokumente etc.), technische Übersetzungen, spezialisierte oder fachbezogene Übersetzungen (zum Beispiel für die Bereiche Marketing, Medizin, Landwirtschaft, Wirtschaft etc.). Zu den Sprachen, für welche Übersetzungen angeboten werden, zählen unter vielen weiteren: Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Deutsch, Russisch, Polnisch und Italienisch, aber auch Minderheitssprachen wie Chinesisch, Arabisch, Türkisch, Holländisch und Dänisch.

Die Firma ist als Übersetzungsagentur die Schnittstelle zwischen dem Kunden und dem Übersetzer. Konkret bedeutet dies: Besteht bei dem Kunden ein Bedarf für eine Übersetzung, so wendet er sich an OMERO Traducciones.

Was waren Ihre Aufgaben als Praktikantin?

Meine Tätigkeiten waren sehr vielseitig. Ich war nicht nur als Junior-Projektmanager in der Produktionsabteilung tätig, sondern auch als Übersetzerin. Das bedeutet, wenn es für meine Sprachkombination passende Aufträge gab (Englisch/Spanisch → Deutsch) und die Texte keine beglaubigte Übersetzung benötigten oder zu fachspezifisch waren, durfte ich die Übersetzung für den Kunden anfertigen. Darüber hinaus musste ich mich auch um das Editieren des Textes kümmern, sodass Ausgangs- und Zieltext später das gleiche Layout besaßen. Ich hatte also eine große Vielzahl an Aufgaben, die ich übernehmen durfte. Was die Projektmanagerarbeit angeht, so habe ich mich mit Aufgaben wie der Auftragsannahme und Kommunikation mit dem Kunden befasst, aber auch mit der Angebotsfertigung, Auftragserfassung, Akquirierung des Übersetzers und dem Kontakt mit dem Übersetzer. Waren einzelne Projekte übersetzt und wurden uns vom Übersetzer geliefert, habe ich für jene, deren Sprachkombination für mich geeignet waren (Englisch/Spanisch → Deutsch, aber hier auch Deutsch → Englisch/Spanisch oder Spanisch/Englisch → Englisch/Spanisch), das Proofreading übernommen und das Editieren. Dies sind zwei der wichtigsten Schritte, da so am Ende die Qualität der Übersetzung überprüft und festlegt werden kann. Nicht nur die Rechtschreibung muss stimmen, sondern auch kulturbedingte Fehler müssen vermieden werden und das gesamte Layout des Endtextes muss einheitlich erscheinen. Zusammengefasst, umfasste meine Tätigkeit ein sehr breit gefächertes Spektrum an Aufgaben und ich konnte sehr viel meines in der Theorie erlernten Wissens anwenden und endlich auch in Praxisbezug bringen.

Welche Kenntnisse, die Sie in Ihrem bisherigen Studium am ITMK erworben haben, konnten Sie während Ihres Praktikums anwenden/vertiefen?

Ich konnte alles von der Arbeit mit Trados bis hin zu einem typischen Ablauf eines Übersetzungsauftrags in einem Übersetzungsunternehmen anwenden. Beginnend bei der Auftragsannahme und Angebotserstellung bis zu der Übersetzung und dem abschließenden Editieren des Textes. Darüber hinaus konnte ich die Lernstoffe bezüglich wie man eine Übersetzung zu verfassen hat, anwenden und meine Englisch- und Spanischkenntnisse in der Praxis einsetzen.

Welche Kenntnisse haben Sie neu erworben?

Ich habe gelernt, wie man für einen (großen) Auftrag die Gewinnspanne kalkuliert und dadurch den Preis für den Kunden bestimmt. Außerdem habe ich die Möglichkeit erhalten, mit Programmen, die wir in der Übersetzungstechnologie nur in der Theorie kennengelernt haben, wie zum Beispiel ABBYY FineReader oder Ähnliches, anzuwenden. Darüber hinaus habe ich gelernt, worauf es beim Editieren ankommt und wie man mit den Kunden kommuniziert.

Wie war das Arbeitsklima in der Firma?

Das Arbeitsklima hätte besser gar nicht sein können. Alle Kollegen waren sehr lieb und überaus hilfsbereit. Auch, wenn man mal einen Fehler gemacht hat, wurde man dafür nicht beschuldigt oder Ähnliches, sondern es wurde eine Lösung gesucht und mit dem Namen des gesamten Büros dafür geborgen. Ich wurde die ganze Zeit über als vollwertiges Mitglied behandelt, was mir sehr gut gefallen hat, denn ich durfte alle möglichen Aufgaben übernehmen und nichts war tabu.

Hat Sie das Praktikum in Sachen Berufs-/Masterstudiengangswahl weitergebracht?

Auf jeden Fall. Durch das Praktikum habe ich einen sehr guten Einblick bekommen, wie es in einer Übersetzungsagentur zugeht und ich habe gemerkt, dass der Beruf mir riesigen Spaß gemacht hat. Ob ich natürlich genau in dieser Sparte arbeite, weiß ich jetzt noch nicht, denn es gibt viele verschiedene Sachen, die mir Spaß machen würden. Allerdings war das Praktikum eine super Erfahrung und ich konnte mein Interesse für diesen Berufsweg nur noch verstärken.

Wie hat Ihnen der Ort/die Umgebung gefallen?

Barcelona als Stadt ist mir persönlich zu groß. Das liegt allerdings daran, dass ich aus einem 500-Personen-Ort komme und Barcelona mit seinen über 1,6 Millionen Bewohnern da natürlich das gesamte Kontrastprogramm ist. Dennoch habe ich ein Zimmer in einem Viertel gefunden, das vielleicht nicht ganz so angesagt, jedoch ein wenig ruhiger gelegen war. Natürlich ist es wahnsinnig interessant zu erleben, wie Menschen in einer anderen Kultur leben und dass sich bei diesen Menschen der Hauptteil des Lebens im Sommer auf der Straße abspielt und die Stadt eigentlich erst abends richtig erwacht, obwohl sie doch 24/7 laut und voll ist. In einem Reiseführer habe ich gelesen, dass Barcelona die wahrgewordene Utopie ist: Ein Ort, an dem alle Menschen jeglicher Nationen ohne jegliche Diskriminierung oder Anfeindung miteinander zusammenleben. Und das stimmt. Es ist toll zu sehen, dass alle unterschiedlich und doch so gleich sind und friedlich miteinander leben.

Was sollte man in Barcelona unbedingt gesehen oder erlebt haben?

Barcelona ist eine so große Stadt, sodass es fast unmöglich ist, eine Auswahl der allerbesten Plätze zu treffen. Barcelona ist voll von Sehenswürdigkeiten und an jeder Ecke gibt es etwas anderes zu sehen. Meine Empfehlungen sind eher Ziele, die viel mehr zu bieten haben, als die typischen Touristenziele. Der alte Vergnügungspark hoch oben auf dem Berg Tibidabo bietet eine unwahrscheinlich schöne Aussicht auf Barcelona und weit darüber hinaus. Und wenn man gerne an den Strand geht, aber das schöne Wetter nicht in Touristenmassen erleben möchte, dann sollte man den Playa de Bogatell besuchen. Das ist einer der Strandabschnitte, die nicht so überfüllt sind wie zum Beispiel der Strand von Barceloneta.

Gab es für Sie spürbare kulturelle Unterschiede?

Natürlich gab es kulturelle Unterschiede. Im normalen Alltag unterscheiden sich die Spanier im Groben nicht unbedingt sehr stark von zum Beispiel uns Deutschen. Aber im Arbeitsalltag ist die Haltung weitaus entspannter, als sie hier ist, und auch die Leidenschaft für die eigene Nation ist nicht zu unterdrücken. Die Lage und Stimmung während meines Auslandssemesters in Barcelona war sehr angespannt und es war eine sehr turbulente Zeit. Man konnte den Willen des Volkes förmlich spüren und ich fand es imposant, wie sehr sich die Menschen für ihre Nation und ihre Meinung eingesetzt haben. Niemand hat Stillschweigen über seine politische Meinung bewahrt oder auf das Handeln der Politiker gewartet. Es gab jeden Abend um 10 und fast jedes Wochenende Demonstrationen, die wie aus dem Nichts zu erwachsen schienen. Das war sehr eindrucksvoll.

Wir freuen uns auch über eine kleine Anekdote:

Ich habe dies in einem meiner Kurse gelernt und kann das vollkommen unterstützen: Man fühlt sich am Anfang sehr fremd und kommt sich komisch vor, aber nach einer Weile wird man Teil des Lebens in der anderen Stadt oder dem anderen Land und wenn die Sprachkenntnisse wachsen, wird man wendiger und man kann sich besser im Alltag dort bewegen. Man lebt nicht nur am Rande mit, sondern ist Teil des Ganzen.

Ihr Fazit:

Ich kann jedem, der sich für andere Kulturen interessiert, nur empfehlen für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen. Das ist eine unvergessliche Erfahrung und man lernt viele neue Dinge über sich und außerdem, über den Tellerrand hinauszublicken.

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